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Kann eine Parodontitis Alzheimer auslösen?

Parodontitis und Alzheimer weisen starke Assoziationen zueinander auf. Im Tierversuch fanden Forscher kausale Zusammenhänge in Bezug auf das pathogene Parodontalbakterium Porphyromonas gingivalis, seiner Zelloberflächenstrukturen, seiner Enzyme und dem Vorhandensein von für Alzheimer typischen Eiweißansammlungen im Gehirn. 

Parodontitis steht mit einigen allgemeinen Erkrankungen in Zusammenhang, das ist nicht neu. Menschen mit einer Parodontitis haben zum Beispiel ein höheres Risiko eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln. Eine Parodontitis beeinflusst auch einen bestehenden Diabetes negativ. Außerdem sind Parodontitis-Patienten anfälliger als Gesunde eine rheumatoide Arthritis zu bekommen. Bezüglich neurodegenerativer Erkrankungen gibt es offenbar ebenfalls Zusammenhänge, zum Beispiel zwischen Parodontitis und Parkinson sowie zwischen Parodontitis und Demenzerkrankungen. Dazu zählt im Besonderen Morbus Alzheimer. 

Alzheimer hat Zukunft.

Etwa zwei Drittel der 1,7 Millionen Demenzfälle, die es derzeit in Deutschland gibt, sind auf Morbus Alzheimer zurückzuführen. Die meisten Betroffenen sind älter als 65 Jahre. Pro Jahr erkranken 300.000 Menschen neu in Deutschland – mit steigender Tendenz aufgrund der demografischen Entwicklung. Sollten die Vorhersagen zur Bevölkerungsentwicklung eintreffen, dann könnten im Jahr 2050 rund drei Millionen Demenzkranke in Deutschland leben. Bei der Alzheimer-Erkrankung steht die kognitive Störung im Vordergrund, also Gedächtnisverlust, Störungen des Urteilsvermögens, des Erkennens und der Sprache bis hin zur Veränderung der Persönlichkeit. Mehr zur Ätiologie von Morbus Alzheimer siehe Infobox.

Alzheimer bei Parodontitis: Nur schlechte Mundhygiene?

Schon 2012 zeigte eine finnische Studie, dass über 75-jährige Demenz- und Alzheimerpatienten ein erhöhtes Risiko für eine schlechte Mundgesundheit und Mundhygiene (auch Prothesenhygiene) hatten, namentlich für Karies und vertiefte parodontale Taschen (siehe Quelle 1.). Laut einer weiteren Studie aus Indien von 2014 korrelieren –verglichen mit Gesunden – erhöhte Werte für den Gingivitis-Index, den Plaque-Index, erhöhte Sondierungstiefen und erhöhter Attachment-Verlust mit dem Vorhandensein von Alzheimer. Auch verschlechterten sich die parodontalen Parameter je weiter die Alzheimer-Erkrankung fortgeschritten war (siehe Quelle 2.). 
Diese Zusammenhänge könnten daher rühren, dass es bei der chronischen Infektionskrankheit Parodontitis, die in Deutschland ja bekanntlich jeden zweiten Erwachsenen betrifft, einer lebenslangen Plaque-Kontrolle bedarf. Es liegt auf der Hand, dass Menschen im höheren Lebensalter dies immer weniger leisten können, insbesondere wenn eine neurodegenerative Erkrankung wie Alzheimer vorliegt. Die Mundhygiene in Pflegeheimen leidet aufgrund der wenigen Zeit, die den Pflegekräften pro Patient zur Verfügung steht. Kein Wunder also, dass ältere Menschen mit Alzheimer vermehrt zu Parodontitis neigen. Oder umgekehrt? Es könnten auch zufällige Assoziationen sein, denn sowohl Alzheimer als auch Parodontitis kommen gehäuft nach dem 65. Lebensjahr vor. Oder aber Entzündungsmediatoren, die die pathogenen Keime in den Zahnfleischtaschen auf Seiten der Immunantwort hervorrufen, könnten möglicherweise die Entstehung der charakteristischen, abnormen Eiweißablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Erkrankten begünstigen. Schließlich bleiben diese Mediatoren nicht in den Zahnfleischtaschen, sondern verbreiten sich über die Blutbahn und verschluckten Speichel im ganzen Körper. 

Sulkusbakterium und / oder seine Produkte erreichen das Gehirn

Tatsächlich haben Patienten, die seit zehn Jahren eine chronische Parodontitis haben, ein 1,7-fach höheres Risiko, Morbus Alzheimer zu bekommen (siehe Quelle 3.).
US-amerikanische Forscher haben im Tierversuch untersucht, wie Mäusegehirne reagieren, denen über rund fünf Monate hinweg mehrmals wöchentlich Porphyromonas gingivalis (P.g.) beziehungsweise sein Enzym Gingipain zugeführt wird. Gingipain baut Entzündungsmediatoren ab, so reduziert es eine Entzündung als wichtige Wirtsantwort auf den pathogenen Parodontalkeim Porphyromonas gingivalis. Die Forscher konnten Porphyromonas gingivalis und / oder Gingipain in den Gehirnen der Versuchsgruppe nachweisen. Weiterhin fanden die Wissenschaftler unter anderem degenerierte Neuronen und extrazelluläres Beta-Amyloid bei den mit P.g./Gingipain infizierten Mäusen, nicht aber in der nicht-infizierten Kontrollgruppe. Die chronische Infektion mit dem parodontalen Problemkeim scheint also zu den pathologischen Veränderungen im Mäusegehirn zu führen (siehe Quelle 4.). 

Eine weitere US-amerikanische Gruppe von Wissenschaftlern versuchte diese Zusammenhänge auch beim Menschen nachzuweisen. Dazu untersuchten sie 38 gesunde ältere Menschen auf einen Attachmentverlust von drei oder mehr Millimetern – als Hinweis auf eine durchgemachte parodontale Infektion und Entzündung – und auf vermehrtes Beta-Amyloid im Gehirn mittels Positronen-Emmissions-Tomographie (PET). Tatsächlich war ein erhöhter Attachmentverlust von drei oder mehr Millimetern mit dem vermehrten Vorkommen von Beta-Amyloid in dafür besonders gefährdeten Hirnregionen der Probanden assoziiert (siehe Quelle 5.).

Direkte kausale Beziehung beim Menschen noch unklar

Bislang konnte in Studien eine kausale Beziehung von Porphyromonas gingivalis-Infektionen und charakteristischen Läsionen im Gehirn von Mäusen und eine kognitive Beeinträchtigung der Tiere nachgewiesen werden. Der Parodontalkeim und seine Lipopolysaccharide (Zelloberflächenstrukturen, die als Antigene wirken) initiieren entzündliche Signale sowohl in der Peripherie, also im Sulkus, als auch im Gehirn. 

Doch abschließend ist die Frage eines direkten kausalen Zusammenhangs zwischen Parodontitis und Alzheimer noch nicht beantwortet, denn wie so oft spielen bei beiden Erkrankungen sehr viele Faktoren eine Rolle. Die Mechanismen, die sich auf molekular-biologischer Ebene zwischen unterschiedlichen Parodontitis-Bakterien und verschiedenen Arten von Gehirnzellen abspielen, sind noch nicht alle geklärt. Zudem gibt es bei Morbus Alzheimer auch eine genetische Komponente. In einigen Fällen – allerdings unter drei Prozent aller Alzheimer-Erkrankungen – ist eine autosomal dominante Vererbung eines mutierten Gens für den Ausbruch von Alzheimer verantwortlich. So haben Menschen, die im ersten Grad mit einem Alzheimer-Patienten verwandt sind (Vater, Mutter, Schwester, Bruder oder Kinder) ein vierfach erhöhtes Risiko ebenfalls an Alzheimer zu erkranken. 


Quellen:

Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. - Selbsthilfe Demenz

Alzheimer Forschung Initiative e.V.

1. Syrjälä AM, Ylöstalo P, Ruoppi P, Komulainen K, Hartikainen S, Sulkava R, Knuuttila M.: Dementia and oral health among subjects aged 75 years or older. Gerodontology. 2012 Mar;29(1): 36-42. doi: 10.1111/j.1741-2358.2010.00396.x. Epub 2010 Jun 30.

2. Santosh S. Martande, MDS, A. R. Pradeep, MDS, Sonender Pal Singh, MDS, Minal Kumari, MDS, Deepak Kumar Suke, MDS, Arjun P. Raju, MBBS, MD, Savitha B. Naik, MDS, Priyanka Singh, MBBS, MD, C. N. Guruprasad, MDS, Anirban Chatterji, MDS: Periodontal Health Condition in Patients With Alzheimer’s Disease. American Journal of Alzheimer's Disease & Other Dementias, September 10, 2014, https://doi.org/10.1177/1533317514549650

3. Chang-Kai Chen, Yung-Tsan Wu and Yu-Chao Changcorresponding author.: Association between chronic periodontitis and the risk of Alzheimer’s disease: a retrospective, population-based, matched-cohort study; Alzheimers Res Ther. 2017; 9: 56.

4. Ilievski V, Zuchowska PK, Green SJ, Toth PT, Ragozzino ME, Le K, et al. (2018): Chronic oral application of a periodontal pathogen results in brain inflammation, neurodegeneration and amyloid beta production in wild type mice. PLoS ONE 13(10): e0204941. https://doi.org/10.1371/ journal.pone.0204941

5. Kamer AR, Pirraglia E, Tsui W, Rusinek H, Vallabhajosula S, Mosconi L, Yi L, McHugh P, Craig RG, Svetcov S, Linker R, Shi C, Glodzik L, Williams S, Corby P, Saxena D, de Leon MJ.: Periodontal disease associates with higher brain amyloid load in normal elderly. Neurobiol Aging. 2015 Feb;36(2):627-33. doi: 10.1016/j.neurobiolaging.2014.10.038. Epub 2014 Nov 5.

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